The Great Beauty ★★★★★

La Grande Bellezza: Die Lust am falschen Leben

„Reisen, das ist mal was Nützliches. Da kriegt die Fantasie zu tun. Alles andere bringts nichts weiter als Enttäuschung und Mühsal. Unsere Reise hier findet ganz und gar in der Fantasie statt. Das ist ihre Stärke.“ Mit diesen Worten aus Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht leitet Paolo Sorrentino mit La Grande Bellezza eine melancholische Reise ein, die nur so vor Momenten der titelgebenden Schönheit strotz. Denn der italienische Autorenfilmer illustriert mit seinem Magnum Opus das sensible Einfühlungsvermögen cineastischer Poesie wie kaum ein anderer Filmschaffender unserer Zeit. Als moderne Antwort auf Fellinis La Dolce Vita illustriert Sorrentino die Lust am falschen Leben, indem er uns auf eine Reise durch die mondäne Welt Roms entführt. Eine Reise, die so unbeschreiblich ist, wie meine Liebe für diesen Film.

Jepp Gambardella gehört zur Speerspitze der High Society. Als Literat, der mit 26 einen der bedeutsamsten Romane der modernen, italienischen Literatur verfasst hat, findet er sich in einer Welt voller Opulenz, Exzess, Stimulationsverdruss und verklärtem Intellekt wieder. Doch dass hinter der dekadenten Fassade nichts weiter als eine große Leere wartet, ist dem ewigen Junggesellen längst bewusst. In beinahe episodenhaften Fragmenten werden wir Zeuge von dem Frust, der unseren Protagonisten plagt, während er sich den dutzendsten Negroni hinter die Binden kippt. Drum fasst er an seinem 65. Geburtstag den Beschluss, dass er sein Leben nicht mehr mit unnötigen Dingen vergeuden möchte und begibt sich auf die Suche nach etwas, um eben jene Leere zu füllen.

Genauso wie die ersten Sonnenstrahlen, die nach einem langen Winter zwischen den Ästen durchsickern und einem ein wohlwolliges Gefühl der Wärme verleihen, erwischt mich La Grande Bellezza jedes Mal mit seiner euphorisch-melancholischen Gratwanderung durch die Sphären der menschlichen Sozialität. Ein strahlendes Klagelied über das altbekannte Phänomen, dass wir immer das haben wollen, was wir nicht haben können und wenn wir es schließlich haben, verlieren wir das Interesse daran. So ist das Leben nichts weiter als eine endlose Suche nach etwas Neuem, das ein Gefühl des Begehrens in uns hervorruft. Dabei erschaffen wir uns stets das Trugbild, dass dieses Begehren einen existenziellen Sinn für uns darstellt, doch in Wahrheit bleibt dieser Sinn vergebens. Am Ende sind wir alle nichts weiter als egolose Egoisten mit dem Hang zur Misanthropie.

Am Ende dieser Reise überschattet der poetisch-euphorische Unterton jedoch diesen nihilistischen Deckmantel der Vergänglichkeit und Célines anfängliche Worte bestätigen sich: Das Leben ist nichts weiter als eine (imaginäre) Reise. Und wenn uns diese Erkenntnis einleuchtet, sind wir wieder in der Lage jene große Schönheit zu erkennen, mit der sich dieses Meisterwerk zieren darf. Manchmal bedarf es einfach eines Werks wie La Grande Bellezza, um sich der großen Schönheit wieder bewusst zu werden. Denn die Schönheit des Lebens verewigt sich in Werken wie diesem.

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