Love

Love

Gaspar Noe hat seine erste RomCom gedreht. Vermeintlich provokanter Sex und (zugegeben etwas alberne) 3D-Spielereien dienen nur als Fassade einer Geschichte, die sonst wohl Arnaud Desplechin erzählen würde. Es ist eine Lovestory, mit tiefen Tiefen und hohen Höhen. Letztere wollen nicht so recht gelingen, immerhin eine gewisse Zärtlichkeit ist manchmal zu spüren.

Diese Romanze hätte deutlich besser funktioniert, wenn - wie ursprünglich geplant - Vincent Cassel und Monica Bellucci (also Darsteller von einem gewissen Format) die Hauptrollen übernommen hätten. Karl Glusman geht der Charme, der nötig gewesen wäre, um Murphy zu einem echten Charakter zu machen, vollkommen ab. Seine Widerwärtigkeit hingegen springt geradezu von der Leinwand. Noe lässt diesen Widerling ein Kind namens Gaspar bekommen. Wenn Murphy dann später von "daddy issues" faselt, ist klar, wer eigentlich gemeint ist. Der Film hasst den Charakter fasst mehr als der Zuschauer.

Aomi Muyock spielt immerhin solide auf. Wenn Murphy von Blut, Sperma und Tränen im Kino fabuliert, lächelt sie herablassend. Wenn er sie betrügt, spuckt sie ihm ins Gesicht und verschwindet. Sie ist im aktuellen Zustand leider zu sehr Skizze - eine Drehbuchüberarbeitung und eine Casting-Entscheidung später wäre sie eine nette Komplementärfigur zu Joe aus Nymphomaniac gewesen.

Die Bildsprache ist stellenweise imposant: Körper werden beleuchtet wie in Barockgemälden oder verschmelzen zu grotesken Lovecraft-Kreaturen. Die Kamera sucht, aber penetriert nicht - wenn die Mechanisierung des pornographischen Geschlechtsaktes eintritt, dann nur, um den gegenwärtigen Zustand der Beziehung darzustellen. In entrückten Farbstimmungen bekommt das Sexuelle etwas verstörendes; im Anschluss an den Orgasmus werden die Totalen in Triptychen aufgesplittert, damit Dreiecksbeziehungen zur gestörten Dreifaltigkeit werden. (Freunde haben Pasolini einen "laizistischen Heiligen" genannt, was sicher auch auf Noe irgendwie zutrift.) Sex mit einer solchen inneren Dramaturgie ist selten im Kino.

Hier werden sogar die Räumlichkeiten immer enger, wenn sich auch der Blick der Beziehung um die Körperlichkeit verdichtet. Plötzlich bleibt die Kleidung an, weil man sich einander nicht mehr offenbart. Der Film ist voll mit solchen Einfällen, welche der elliptischen, nicht-chronologischen Struktur Bedeutung geben.

Kurzum: Love wird unterschätzt, ist sicherlich kein Meisterwerk, wie von Triers Nymphomaniac, aber auch nicht der dumpfpornographische Totalausfall, den viele darin sehen wollen.

("Wir sind Gaspar, Melchior und Balthasar! Wir bringen Gold, Weihrauch und ... bäh, Gaspar, musste das sein?")